Was ist Kunst?

Es gibt Begriffe, die wehren sich gegen eine einheitliche Definition. Zumindest scheinbar. In akademischen Kreisen entbrennen Diskussionen um die richtige Auslegung des Wortes, um eine nachvollziehbare, einheitliche Interpretation eines Konzeptes – oder auch um die Unmöglichkeit dessen.
 

Der schottische Philosoph Walter Bryce Gallie entwickelte hierfür wiederum den Begriff des Essentially Contested Concepts, also einer Idee bzw. eines Konzeptes, für dass sich je nach Weltanschauung und Ideologie, je nach Wertevorstellung und Bezugsrahmen eine andere Lesart und ein anderes Verständnis ergibt. Neben ‚Freiheit‘ und ‚Demokratie‘ soll hierzu auch das Wort ‚Kunst‘ zählen.

In der Kulturanthropologie und Ethnologie gab es zu dieser Problematik ebenfalls eine Vielzahl an Diskussionen. Es wurde argumentiert, dass es keine kulturübergreifende Definition von ‚Kunst‘ gäbe, bzw. dass das in der westlichen Welt gängige Verständnis hiervon eben nur den westlichen Vorstellungen entspreche.

Während meines Studiums habe ich mich etwas genauer damit befasst – und relativ problemlos eine für mich schlüssige Definition gefunden. Als Instrument zur Definitionsfindung hat mir dabei die Systemtheorie von Niklas Luhmann geholfen, nach der sich die Gesellschaft in verschiedene sogenannte Funktionssysteme einteilen lässt: dies wären im Einzelnen Politik, Religion, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst, Recht, Massenmedien, Erziehung/Bildung, Gesundheit. Für mich ist diese Theorie überaus einleuchtend und griffig; sie geht schlicht davon aus, dass es bestimmte Bereiche, Sphären, Realms innerhalb der Gesellschaft gibt, die jeweils nur auf eine Funktion ausgerichtet sind und dementsprechend über ihre eignen Gesetzmäßigkeiten verfügen. So geht es, vereinfacht gesagt, in der Politik um die Verteilung von Macht, in der Religion um Gott und Seelenheil und in der Wissenschaft um Wahrheitsfindung usw.

Diese Funktionssysteme durchdringen naturgemäß einander, sie beeinflussen sich – und oftmals behindern sie sich (in einer Theokratie bspw. behindert ganz grob gesagt die Religion ein vernünftig funktionierendes Politiksystem, in neoliberalen Szenarien behindert die Wirtschaft eine gerechtes Bildungs- und ein menschenwürdiges Gesundheitssystem – wobei es sich bei „Neoliberalismus“ auch wieder ein Essentially Contested Concept handelt…). Im Idealfall aber stützen sie sich die Funktionssysteme einfach nur einander. Das allerdings ist ganz offensichtlich gar nicht so einfach umzusetzen – und wäre bereits Stoff für einen anderen Text.

Im Rahmen dieser Theorie sah ich mich nun gezwungen, jedes mir unterkommende soziokulturelle Phänomen eines dieser Funktionssysteme zuzuordnen, was im Grunde eine ziemlich interessante Aufgabe ist. Hilfreich bei dieser Einteilung ist die sogenannte Kontingenzformel. Diese Kontingenzformel besteht (tückischerweise) wieder nur aus einem einzelnen Begriff und bezeichnet quasi den „Fixpunkt“ eines Funktionssystems.

Die Systemtheorie mit Luhmanns Worten sagt, die Kontingenzformel „schränkt den gesamten Sinnhorizont eines (sozialen) Systems ein, d.h. dass gegen an sich Denkmögliches Grenzen (Horizonte) gesetzt werden, damit Operationen produktiv werden können“. Das bedeutet einfach übersetzt, dass es bspw. in der Politik letztendlich nicht um Geld, nicht um Wahlsiege oder Siege auf dem Schlachtfeld und nicht um irgendeine Form von Ästhetik geht. Es geht im Kern, das hat Luhmann an dieser Stelle so postuliert, um Legitimität. Egal ob in der Vergangenheit ein Oberhaupt durch physische Stärke (in einem Stammesverband), durch Gottes Gnaden (in einer Monarchie) oder durch das Wahlvolk legitimiert wurde (in einer Demokratie) – an der Frage nach Legitimität entbrennt sich alles in dieser gesellschaftlichen Sphäre. Legitimität ist der Fixpunkt des Politiksystems.

Die Lektüre von Luhmanns „Die Kunst der Gesellschaft“ hat mir nun keinen Fixpunkt, keine Kontingenzformel für das System der Kunst geliefert. Ein wenig Analyse und die reichhaltige deutsche Sprache haben mich aber zügig zu einem aussichtsreichen Kandidaten hierfür gebracht: Kunst ist schlicht alles, was anmuten soll; alles, dessen zumindest sekundärer Zweck dies darstellt. Ob Malerei, Bildhauerei, Architektur, Musik, Poesie, Literatur, Schauspiel, Fotografie, Film, Kunsthandwerk, Design, Kunstinstallationen – die Anmutung ist letztlich das, wonach alles in der Kunst hinausläuft; und an der Frage nach (gelungener oder misslungener) Anmutung entbrennt sich alles in der gesellschaftlichen Sphäre der Kunst.

Dies führt nun zu einer äußerst weiten Definition des Kunstbegriffs, denn er umfasst jetzt auch Dinge wie Trivialliteratur, Seifenopern und Aprés-Ski-Ballermann-Schlager. Allesamt Spielarten, mit denen Kunstkenner, Connaisseure, nichts zu tun haben wollen und wahrscheinlich auch garnicht erst in Berührung kommen. Allerdings verhält sich diese Trivialkunst zur “echten” Kunst, wie sich in der Politik Oppositions- zu Regierungstätigkeit verhält: das letztere ist irgendwie wünschenswerter, zumindest gesellschaftlich angesehener, als das erstere. Dennoch zählt beides zur gleichen Sphäre.

An diesem Punkt lässt sich dann auch wieder eine Unterscheidung einführen, zwischen dem hier beschriebenen funktionalen Verständnis für Kunst – Kunst ist alles, was anmuten soll; und einem ideologischen Verständnis: Kunst hat die inhärente Aufgabe, den Betrachter zum Nachdenken zu bringen, letztendlich vielleicht sogar, die Gesellschaft zu verändern. Das ist natürlich nicht der Anspruch der Autoren der Bastei-Ärzteroman-Heftchen und nicht der von Micki Krause und Jürgen Milski (naja, vielleicht wird das auf die zukünftigen Werke von Michael Wendler zutreffen, der mit neuen Songs eine vermeintlich unrechtmäßige Regierung bekämpft…). Mit dem ideologischen Verständnis fallen aber nicht nur banale Formen der Kunst weg, sondern auch alles, was einfach nur optisch oder akustisch gefällig sein soll.

Luhmann definiert Kunst selbst übrigens als „eine Art von Kommunikation, die (in noch zu klärender Weise) Wahrnehmung in Anspruch nimmt“. Dies wäre mit dem schönen deutschen Wort Anmutung hiermit geklärt. Ein Wort, das im Übrigen in vielen Sprachen so nicht existiert (es gibt bspw. für die deutsche Wikipediaseite zu diesem Begriff keine anderssprachige Entsprechung). Im Englischen wird es allgemein mit impression übersetzt, was im Grunde „Eindruck“ bedeutet – also ein Konzept, welches an dieser Stelle wieder viel zu allgemein ist, schließlich hinterlassen auch Testergebnisse und Autounfälle bestimmte Eindrücke. Das von mir zur Definition von Kunst verwendete Wort impliziert hingegen mehr, es kreist das fragliche Konzept um eine Nuance genauer ein. Nur Gestaltetes, nur Kreiertes mutet an (auch wenn das der Duden so wortwörtlich nicht hergibt), und zugleich ist es diffus, wie jener unmittelbare Eindruck, den ein Kunstwerk auf einen Menschen macht. Die Abgrenzung zur Ästhetik liegt übrigens im Erstgenannten; ein sprintender Leopard ist ästhetisch – dies ist dann allerdings nicht das Ergebnis eines kreativen, gestalterischen Prozesses. Die Aufnahme des Leoparden, die in einem Film oder einer Fotostrecke zum Einsatz kommt, ist dies wiederum schon, und wurde zwecks der Anmutung eingefügt.

Es macht für mich letztlich den Eindruck, als ob nur ein  bestimmtes Wort gefehlt hätte, um eine schlüssige, bündige Definition zu finden und eine ewige Diskussion zu beenden (nichts zu danken), welche vornehmlich im angelsächsischen Raum stattfand, wo wie wie gesagt dieses Wort nicht existiert.

Allerdings gibt es nun auch viele Dinge, die ganz offensichtlich anmuten, bei der aber eine Zuordnung zur Kunst im ersten Moment befremdlich erscheint. Sind beispielsweise Videospiele Kunst? Ist das Friseurhandwerk im Grunde ein Teil der angewandten Kunst (zu dem auch Mode und Innenarchitektur gehört)? Was ist mit Pornografie? Oder Bodybuilding? Die knappe Antwort lautet: ja, das alles gehört letztendlich zur Welt der Kunst. Aber wohl eher zu ihren äußeren Bereichen, zu den Randgebieten; sie sind Fringes des Funktionsystems Kunst. Sie weisen das definitorische Merkmal der Kunst auf, sind aber weit vom Kern der klassischen Vorstellung davon entfernt oder sind überaus stark mit anderen Bereichen, das heißt anderen Funktionssystemen verknüpft, wie Massenmedien oder Gesundheit.

Wie eingangs erwähnt, durchdringen diese Systeme einander, sie sind nicht absolut zu denken. Und so fallen Zurodnungen dieser Randbereiche vielleicht schwer, dies sollte aber nicht daran hindern, eine schlüssige Definition für einen wichtigen Oberbegriff zu finden.

In der Wirtschaft ist Unternehmenspolitikkeine Politik – und sie ist es doch. Frisuren, Videospiele und für die Ästhetik trainierte Körper sind keine Kunst, und sie sind es irgendwie doch.

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