Irgendwann zu Beginn dieses Jahres wurde mir ein Buch in die Twitter-Timeline gespült, dass von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie dem Digital-Marketing-Experten Gerald Hensel oder dem CDU-Haudegen Ruprecht Polenz angepriesen wurde. Im Dussmann verriet mir dann ein kurzer Blick auf den Klappentext von „Erzählende Affen“, dass sich dieses Buch um ein Thema dreht, das mich seit geraumer Zeit stark interessiert: Narrative und die Wirkmächtigkeit von Erzählungen. Alles klar. Dieser Titel musste Teil meiner kleinen Privatbibliothek werden.
Geschrieben wurde es von zwei Leuten mit illustrem Hintergrund: Friedmann Karig ist Journalist und Moderator, Samira El Ouassil ist Autorin, Sängerin und Schauspielerin (sie ist wohl eine der wenigen Mensa-Mitglieder, die eine Rolle in einer Telenovela hatten).
Ein kurzweiliger Beginn
Ich begann mit der Lektüre des Buches und mir fiel auf, dass hier verblüffenderweise viele Dinge zusammenflossen, die mir selbst irgendwie von Bedeutung waren und/oder mit denen ich mich seit dem Studium intensiv beschäftigt hatte: Von der Campbell’schen zirkulären Heldenreise über Konzepte wie Levi-Strauss‘ Mytheme, dem Prinzip der confirmation bias bis hin zu Willy Brandts symbolträchtigem Kniefall von Warschau oder einem Filmzitat aus Der Herr der Ringe (welches in der düsteren Zeit des ersten Pandemie-Winters tatsächlich sehr aufmunternde Worte waren: „Aber am Ende ist es nur eine vorübergehende Sache, dieser Schatten. Sogar die Dunkelheit muss vorübergehen. Ein neuer Tag wird kommen.“). Es trug verschiedene, für mich persönlich auf mehreren Ebenen relevante Facetten zusammen.
Das machte mir das Buch erstmal sympathisch, gleichzeitig keimte auch ein klein wenig Künstlerneid auf, dass El Ouassil und Karig zwei so lässige wie geistreiche Intellektuelle waren, die neben Podcast und Auftritten auch solch ein gelungenes wie vielleicht auch wegweisendes Werk publizierten, welches Popkultur mit tiefen soziologischen Einsichten verband.
Denn tatsächlich erweis sich die erste Hälfte des Buches insgesamt als sehr aufschlussreich, viele interessante Gedanken und Ansichten hatte ich mir herausnotiert, wie bspw. die Theorie, dass das Erzählen von fiktiven Geschichten einen evolutionären Vorteil darstellte, da der Homo sapiens hiermit hypothetische Szenarien durchspielen konnte; Gedankengänge über mögliche Ereignisse, deren Antizipation überlebenswichtig sein könnte (auch heute wichtig: von „was passiert, wenn ich die Hand auf die heiße Herdplatte lege“ bis „was passiert, wenn ich diese Atommacht provoziere“ oder „was passiert, wenn Künstliche Intelligenz autonom wird“).
So weit so schön. Allerdings – nach dieser recht gehaltvollen Hälfte flachte das Werk leider merklich ab. Die Darstellungen und Schlussfolgerungen waren mir teilweise zu simpel und eindimensional, und das Buch verfolgte nun meiner Auffassung nach eine eindeutig politische, tendenziöse Agenda. Die Dinge wurden oft nicht mehr differenziert und kontextuell betrachtet, sondern merklich als Vehikel für ideologische Grundsatzannahmen verwendet. Ja, nicht nur von wissenschaftlichen Werken, auch von einfacheren Sachbüchern erwarte ich eine gewisse Reflektiertheit bezogen auf die eigenen Positionen.
Jeder ist das Opfer seines Schicksals
Ein kleines Beispiel: das viel gescholtene Narrativ von „jeder ist Seines Glückes Schmied“, dass im Buch und auch anderswo vorschnell als neoliberale, den kapitalistischen Individualismus befeuernde Propaganda verschmäht wird.
El Ouassil und Karig fragen hinsichtlich dieses Sinnspruches gleich zu Beginn des Buches: was, wenn jemand für dieses Unterfangen keinen brauchbaren Amboss hat (S.16)?
Der Punkt ist: das behauptet dieser Satz und mithin dieses Narrativ auch gar nicht. Niemand behauptet, dass es einfach sein wird, „sein Glück“ zu schmieden, ja nicht mal, dass dies überhaupt grundsätzlich möglich ist. Der Satz versetzt den Menschen einzig in die Rolle des Schmiedes, der potentiell dazu in der Lage ist, seine Zukunft zu formen, sein Leben zu gestalten.
Rein hypothetisch kann sich der Schmied auch in die Ecke setzen und nichts tun, oder von irgendwelchen Übeltätern festgehalten und am Arbeiten gehindert werden – er verbleibt dann dennoch noch in der Rolle desjenigen, der für die Formung des Glücks letztlich verantwortlich ist. Das Leben ist nicht fair, und wenn jemand von Schurken am Lebensglück gehindert wird ist das genauso ungerecht, als wenn jemand tödlich vom Blitz getroffen wird, sein Werk nicht vollenden und nicht mehr in den Genuss dessen Früchte kommen kann.
Das Autorenteam weiter: „die systematischen Faktoren für Glück und Unglück spielen hierbei keine Rolle“. Dieser vermeintliche Mangel wird dem Narrativ kurzerhand angekreidet, obwohl das Reflektieren eines solchen Sinnspruches beim Leser leigt; die Autoren interpretieren hier zwecks politischer Ansichten fehl. Im Übrigen sind auch Menschen, die sich mit anderen Menschen zusammentun, um Dinge und Verhältnisse zu verändern (von Gewerkschaften bis zu revolutionären Kampfverbänden), auf diesem Wege gleichermaßen die Macher und Gestalter ihres eigenen, persönlichen Schicksals.
Selbst in Gefangenschaft oder in einer Diktatur kann man auf einer gewissen Ebene sein „eigenes Glück schmieden“ – es ist dann um ein Vielfaches Schwerer als in Freiheit, und das daraus resultierende „Glück“ hat dann wohl auch nicht die gleiche Qualität – aber es geht auch hier nur um den Aspekt, seinen Willen in die Tat, seine Vorstellungen in Handlungen umzusetzen. Ein Millionär kann trotz seines Besitzes zutiefst unglücklich sein; er muss dann seinerseits nach Wegen suchen, Zufriedenheit abseits des Monetären zu finden. Wenn er darin scheitert, zieht er sich womöglich ebenso als verbitterter, drogenabhängiger Einzelgänger in seine Komfortzone zurück, wie dies jemand tun würde, der um Einiges weniger begütert ist.
Natürlich hat „beim Schmieden“ auch vieles mit Zufall und glücklichen Umständen zu tun – aber dieses ist im Grunde auch nur eine Frage von Wahrscheinlichkeiten, kann also ebenfalls beeinflusst werden. Je öfter man etwas versucht, desto wahrscheinlicher ist ein Gelingen.
Fazit: Für mich verbirgt sich hinter diesem Spruch also letztendlich nichts anderes als eine Antithese zu einer fatalistischen, also schicksalsgläubigen Lebenseinstellung. Die Hände in den Schoß zu legen und auf eine glückliche Fügung zu hoffen (oder auf einen religiösen – oder politischen! – Messias) – dies wäre das entsprechende Gegennarrativ hierzu. Interessanterweise kritisieren die beiden an anderer Stelle das Narrativ von „Ich muss mich nicht verändern, wenn eine Führungsfigur mir das sagt“.
Kunst muss immer eine Vorbildfunktion haben
Ein zweites Beispiel: der verpönte, weil irgendwie „faschistisch“ anmutende Film 300 von Zack Snyder.
Auch dies ist ein ziemlich alter Hut. Die Ästhetisierung von martialischen Helden, deren Manneskraft und Kampfesgeist nochmal durch die Zeitlupenoptik unterstrichen wird, verfestige ein buntes narratives Bündel von Traditionalismus, Xenophobie und Männlichkeitskult (hat Leni Riefenstahl eigentlich Zeitlupe verwendet?) Dazu noch der Ausschluss des verkrüppelten Ephialtes, der nicht dazu auserkoren ist, auf dem Schlachtfeld zum Helden zu werden und sich daraufhin zum durchtriebenen Verräter wandelt. Ach ja, und die Gegner sind Perser, die doch gerade Mal tausendzweihundert Jahre später zum Islam konvertiert sind – prinzipiell islamophob ist der Film also auch noch. Das alles deutet doch eindeutig auf zumindest protofaschistisches Gedankengut hin…
Wieder mal ist mir das alles zu schlicht und eindimensional. El Ouassil und Karig weisen spöttisch daraufhin, dass es diese legendären 300 so nie gegeben habe und arbeiten sich eine ganze Seite daran ab, dass die Geschichte generell historisch nicht ganz einwandfrei sei (die Inglourious Basterds und ihre Hinrichtung Hitlers in einem französischen Kino hat es auch nie gegeben. Und nun? Ich könnte noch unzählige weitere Beispiele aufzählen – aber die Unsinnigkeit dieses Denkfehlers schreit jeden Filmfan geradezu an). Spätestens wenn im Film überdimensionierte Kriegselefanten und weitere Fantasy-Kreaturen auftauchen, sollte der Film doch eine andere, nuanciertere, eher Genre-bezogene und weniger politisierte Einordnung bekommen.
Hier missverstehen die beiden Autoren leider völlig, was die Aufgabe von Kunst im Allgemeinen, von Erzählungen im Speziellen und vom filmischen Erzählen im Ganz-Speziellen ist. Filme aus der Sicht von mörderischen Psychopathen verherrlichen keine Morde und keine pathologische Empathielosigkeit, und Filme aus der Sicht von raubeinigen, altertümlichen „Verteidigern der Heimat“ verherrlichen letztlich auch keinen rechtsextremen Ethno-Pluralismus. Es wird einfach nur eine Facette des Mensch-Seins unter vielen dargestellt. Das ist die Bedeutung und eine der Aufgaben von Kunst. Regisseur Zack Snyder hatte dies zudem in einem Interview mit dem Tagesspiegel hinlänglich klargestellt.
Das Narrativ vom verderblichen Narrativ
Dies sind zwei Beispiele dafür, dass hier einige Narrative, die angeblich zu einer bedrohlichen Schieflage unserer Gesellschaft geführt haben sollen, zu undifferenziert und unterkomplex, teilweise auch einfach mit einer heftigen ideologischen Schlagseite behandelt werden. Weitere Beispiele wären: Monogamie und Treue als gleichermaßen schädliche Erzählungen (S. 354), die universale Heldenreise als kolonialistisches, patriarchales, eurozentristisches Instrument (S. 361) oder die Dummheit von Menschen früherer Epochen, die nicht viel früher absolutistische Monarchie durch egalitäre Demokratie ersetzt haben (S. 248, letzteres habe ich mal ein wenig paraphrasiert). Für alle diese Beispiele könnte man ausgiebige Gegendarstellungen liefern.
Zum Schluss bleibt vielleicht die Erkenntnis, dass nicht uralte Narrationen an Missständen Schuld tragen, sondern ein zu simples Denken im Menschen.
Einige weitere gute Ansätze des Buches, wie zum Beispiel eine narrative Analyse des Faschismus, gehen durch diese vielen unplausiblen und vereinfachten Darstellungen leider ein wenig unter.